DOSSIER · SICHERHEITSPOLITIK · SPRACHE

HYBRIDE BEDROHUNG?

Warum der Begriff mehr verdeckt als erklärt.

Sven Weizenegger3 Min. Lesezeit

Wer Sabotage, Spionage und militärische Zwischenfälle unter „hybride Bedrohung" zusammenfasst, gewinnt einen Oberbegriff. Und verliert Präzision.

Wenn ein Oberbegriff Präzision kostet

Der Begriff „hybride Bedrohung" ist unpräzise und klingt zugleich erstaunlich harmlos. Genau das macht ihn problematisch.

Als im August am Flughafen Leipzig eine mit Sprengstoff bestückte Drohne auftauchte, war schnell von einem „hybriden Anschlagsszenario" die Rede. Der Begriff findet sich inzwischen regelmäßig in der politischen und sicherheitspolitischen Kommunikation.

Wir dürfen konkrete Aggression nicht durch abstrakte Begriffe sprachlich entschärfen.

Denn der Fall steht nicht allein.

Zivil kamen zuletzt wiederholte Sabotageverdachtsfälle an Unterseekabeln in der Ostsee hinzu. Militärisch schossen Mitte August NATO-Kampfjets über Lettland eine Drohne ab, die laut lettischen Behörden durch russische elektronische Kampfführung in den NATO-Luftraum gedrängt worden war.

Diese Woche warnte der Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte in Europa, General Alexus Grynkewich, vor EU-Abgeordneten in Brüssel vor russischen „hybriden Angriffen", die den Rückhalt der Ukraine-Unterstützer brechen sollen.

Wie verbreitet Vorfälle wie diese sind, zeigt eine Zahl des Bundeskriminalamts: über tausend verdächtige Drohnensichtungen 2025 im Umfeld militärischer Anlagen und kritischer Infrastruktur. Die DGAP legte darauf mit ihrer Studie „Aufklären, Abschrecken, Verteidigen" ein Konzept zur Abschreckung vor, BMI und DLR eröffneten am 18. August in Cochstedt das Technologiezentrum Drohnensicherheit. Bei der Sprache, mit der wir über diese Entwicklungen sprechen, schaffen wir diese Klarheit noch nicht.

Drei Aspekte geben Anlass, den Begriff „hybride Bedrohung“ zu hinterfragen.

Unterschiedliche Vorfälle, dieselbe Kategorie

Erstens vermischt er Vorfälle, die sich in Akteur, Intensität und Zielrichtung erheblich unterscheiden. Ein ziviler Sabotagefall und ein militärischer Zwischenfall mit Bündnisrelevanz landen sprachlich in derselben Kategorie.

Eine SWP-Analyse zeigt, wie sich das Verständnis des Begriffs „hybrid“ im militärischen Kontext verschoben hat: Noch vor wenigen Jahren galt als hybride Bedrohung vor allem die gleichzeitige Anwendung bewaffneter Gewalt und nicht offen gewalttätiger Einflussnahme. Heute deckt der Begriff auch rein zivile, aber aggressive Vorgehensweisen gegen die öffentliche Ordnung eines Staates ab, ganz ohne Gewaltanwendung.

Der Militärtheoretiker Colin Gray brachte diese Entwicklung auf den Punkt: Der Begriff sei inzwischen so inklusiv, dass er als analytische Kategorie kaum noch trägt.

Ein Wort mit dem falschen Klang

Zweitens trägt derselbe Begriff „hybrid" außerhalb der Sicherheitspolitik eine positive Bedeutung. Hybride Fahrzeuge, hybrides Arbeiten, hybride Veranstaltungen: Das Wort steht für modern und effizient. Dieser Klang passt schlecht zu Sabotage, Spionage, Einflussoperationen oder militärischer Provokation.

Bekannte Mittel, neue Reichweite

Drittens suggeriert die Bezeichnung „hybride Bedrohung“ eine Neuheit, die so nicht zutrifft. Sabotage, Spionage und Desinformation sind keine neuen Phänomene. Neu sind ihre Verdichtung, Geschwindigkeit, technische Reichweite und Sichtbarkeit. Wer das als völlig neue Kategorie betrachtet, riskiert, Antworten neu zu erfinden, wo zunächst konsequentes Handeln gefragt ist.

Präzision als Teil der Handlungsfähigkeit

Das heißt nicht, dass jede Unschärfe schädlich ist. Der DGAP-Sicherheitsexperte Jan Stöckmann plädiert zu Recht dafür, gegenüber Angreifern strategische Ambiguität zu wahren. Ein Gegner soll mit Konsequenzen rechnen müssen, ohne unsere genaue Reaktion vorhersehen zu können. Das unterscheidet sich grundlegend von begrifflicher Unschärfe in der eigenen Kommunikation.

Beides muss zusammengehen: Unberechenbarkeit nach außen, Präzision nach innen.

Sprache ist in der Sicherheitspolitik kein Nebenschauplatz. Wer eine Bedrohungslage präzise benennt, schafft Klarheit: für die Behörden, die zuständig sind, für die Öffentlichkeit, die verlässliche Information erwartet, und für die Angreifer, die damit rechnen müssen, identifiziert und zur Verantwortung gezogen zu werden.

Präzise Sprache ist damit nicht nur eine Frage guter Kommunikation. Sie ist Teil sicherheitspolitischer Handlungsfähigkeit.

Quellen & Original

Erstveröffentlicht am 1. Oktober 2026 auf LinkedIn. Der Text entspricht dem damaligen Veröffentlichungsstand; relative Zeitangaben beziehen sich auf dieses Datum. Zwischenüberschriften ergänzen die Navigation.

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